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gegen den zeitgeist
Veröffentlicht: 13.12.2025

Gestern hat Lindsey Vonn im Alter von 41 Jahren ihr dreiundachtzigstes Weltcuprennen gewonnen. Heute ist sie auf Platz zwei der Abfahrt von St. Moritz gefahren. Sie ist die älteste Weltcupsiegerin aller Zeiten. Trotz schwerer Verletzungen hat sie nach einer mehrjährigen Pause das Comeback gewagt. Und das Risiko lohnte sich. Zwei Podestplätze hat sie in diesem Jahr schon in der Tasche. Und sollte sie sich nicht verletzen, werden wohl noch einige folgen. 

Lindsey Vonn, ihr Comeback und der pessimistische österreichische Provinzialismus

Natürlich ist Vonn nun auch für die kommenden Olympischen Winterspiele, die in Mailand und Cortina stattfinden werden, ein heißer Tipp für Gold. Wenn ihr dieses Kunststück gelingt, dann wird sie ohne Zweifel als die größte Skifahrerin aller Zeiten in die Geschichte des Sports eingehen. Aus Österreich wurde ihr Comeback, mehrere Jahre nach dem Rücktritt, pessimistisch bis hämisch kommentiert. Franz Klammer, ein Altstar des Abfahrtssports, attestierte der Amerikanerin einen "Vollschuss". Dieser Ausspruch war wohl witzig gemeint, ließ aber Erinnerungen an den eigenwilligen, provinziellen Humor der Klammer-Grissemann-Ära der 1970er Jahren wach werden. Lachen konnte ich über die grobkörnige Einfalt der Witzigkeit der beiden Ski-Stars damals schon nicht. 

Michaela Dorfmeister psychologisiert das Comeback Lindsey Vonn

Anders liegt der Fall bei Michaela Dorfmeister. Sie empfahl Lindsey Vonn den Gang zum Psychologen. In der Art der Küchenpsychologie "diagnostizierte" Dorfmeister, dass Vonn ein missglücktes Karriereende hatte und dieses bis heute nicht verkraften konnte. Sie selbst hingegen hat den Ausstieg aus dem aktiven Sport besser geregelt. Tja, wenn man nicht so klug und besonnen ist, wie Frau Dorfmeister, kann man schon in eine tiefe Krise fallen. Und wird dann vom eigenen überdimensionierten Ego in die Selbstüberschätzung und das nachfolgende Scheitern getrieben. Wie auch immer, Michaela Dorfmeister traute Lindsey Vonn, großzügig wie sie nun einmal ist, "durchaus einen Platz unter den Top 15 zu". Das ganz feine Lüftchen einer übelwollenden Eifersucht schien diese Einschätzung zu begleiten. Nun ist aus Dorfmeisters gedrückter Fantasie eines durchschnittlichen Comebacks, bei dem der Mitteleinsatz im Vergleich zum mickrigen Ergebnis unverhältnismäßig groß ist, eine triumphale Rückkehr geworden. Nach amerikanischer Art ist Lindsey Vonn volles Risiko gegangen, hat das schier Unmögliche gewagt und wurde am Ende dafür belohnt. Die Statistik der Siege der beiden Athletinnen zeigt den Unterschied zwischen der "ganz ordentlichen" Karriere Dorfmeisters und der Karriere des Jahrhundertereignisses Lindsey Vonn. 25 Siege Dorfmeisters stehen 83 von Vonn gegenüber. Und es können noch mehr werden, ja es kann sogar ein Olympiasieg dazukommen.  

Österreich hasst den Erfolg und feiert die Durchschnittlichkeit

Österreich ist, wie im übrigen ganz Europa, zum Ort der Durchschnittlichkeit geworden. Alles, was den Durchschnitt überragt, wird einen Kopf oder ein paar Meter kürzer gemacht. Bevor der Norm-Österreicher etwas wagt, an dem er scheitern könnte, holt er lieber die vom Podest, die alles auf eine Karte gesetzt und gewonnen haben. Beispiel Felix Baumgartner: Er sprang aus 39 Kilometer Höhe aus einer Kapsel auf die Erde und erreichte dabei als erster Menschen im freien Fall Überschallgeschwindigkeit. Weltweit wurde er bejubelt, in Österreich natürlich auch, aber die konformistische Jubelgemeinschaft trug schon im tiefsten Inneren den Wunsch nach dem dramatischen Fall des Helden in sich. Denn die österreichische Kultur mag keine Helden. Sie favorisiert Leute, die sich nach oben buckeln und nicht die, die die Leiter des Erfolges selbstbewusst nach oben stürmen. Nachdem es Baumgartner auch noch gewagt hatte, eine eigene Meinung zu haben und diese gar ohne der weinerlichen Schutzhülle der typisch österreichischen Wienerlied-Tristesse vortrug, fiel der linke akademische Boulevard über den Helden her und demontierte ihn genüsslich. Fröhlich ist vor allem der Ostösterreicher nur dann, wenn irgend etwas Großes stirbt. Weil dann kann das Große seinen über Generationen eingeübten durchschnittlichen Lebensstil, der unter dem Motto "Mit dem Hut in der Hand, kommt man gut durchs ganze Land" steht, nicht mehr herausfordern oder widerlegen. Und so wurde der Tod des Mannes richtiggehend gefeiert. Und man rief ihm alles das ins Grab nach, was man nicht gewagt hatte, ihm zu Lebzeiten vorzuhalten. 

Der austernfressende Hochkulturfetischismus

Seit Stifter ist die österreichische Literatur vor allem schöngeistiges Wortspiel und der Form gewidmet. So lange der Dichter Handke sich dem akrobatischen Sprachspiel und der Naturästhetik hingab, war er ein Star der literarischen Welt. Als er aber kantige, nonkonformistische Positionen bezog, war er sofort erledigt. Der wahre Österreicher hasst Thomas Bernhard, aber nur insgeheim, weil er falsch und voller Konfliktangst ist. Ein Charles Bukowski oder ein Henry Miller wären in der österreichischen Kunst- und Kulturgeschichte immer unmöglich gewesen. Gegen sie hätte sich der näselnde österreichische Austern-, Champagner- und Opernball-Hochkulturfetischismus mit aller ihm noch innewohnenden Vernichtungskraft wutentbrannt erhoben. Nichts wäre von ihren Oeuvres übrig geblieben. Man hätte ihre Werke dem symbolischen Feuer der adretten und ordentlichen Vernichtungstechniken des Boulevard-Kulturjournalismus übergeben. Übrigens ist interessant, dass Kunstgenuss und Völlerei in Österreich immer auf das Engste miteinander verzahnt sind. So wird ein Festspielabend immer mit einem großen Fressen eingeleitet oder klingt mit ihm aus. Dass die Vulgarität des besoffenen "Nachtmahls" nach dem Theaterbesuch die menschliche Würde, jeglichen Stil und vor allem den Kunstverstand zersetzt, hat Thomas Bernhard in seinem Roman "Holzfällen" in grandioser Art gezeigt. Die adrette Anstandshülle des Juste Milieu ist nichts anderes, als die für Gestank undurchlässige Ummantelung eines intriganten und hirnlosen menschlichen Misthaufens.

Das Wiederaufkommen von Antiamerikanismus und Antisemitismus