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gegen den zeitgeist
Veröffentlicht: 03.12.2025

Sie sind zwischen 1928 und 1945 geboren. Nach dem Krieg haben sie das Land wieder aufgebaut. Sie haben gerackert, verzichtet, gespart, vieles entbehrt. Meistens waren sie still. Oft zu still und zu duldsam. Den Politikern haben sie brav aus der Hand gefressen. Immer wurden sie mit Almosen abgespeist, während ihre „Volksvertreter“ aus dem Vollen schöpften. Heute sind sie alt und hilfsbedürftig. Und werden behandelt wie Altlasten.

Eine Bekannte von mir ist Ärztin. Sie ist in die Pension geflüchtet. Die Arbeit in der Ambulanz hat sie einfach nicht mehr ausgehalten. Den ganzen Tag nur Beleidigungen, Herabsetzungen, Aggressionen. Vor allem Migranten hatten es auf sie abgesehen. Überwiegend Muslime aus dem arabischen Raum. Ihr größter Nachteil ist es gewesen, eine Frau zu sein und noch dazu eine alte. Ihr wurde gedroht, sie wurde angeherrscht. „Was willst Du mir sagen, alte Frau? Du hast mir zu gehorchen und nicht ich Dir!“ Unkooperativ ist nur ein Hilfsausdruck für das, was sie täglich über sich ergehen lassen musste. Respektiert hat sie sich von niemanden gefühlt, weder von ihren Patienten noch von den Vorgesetzten. Einmal hat sie sich über die Zustände beschwert. Man hat ihr nicht zugehört. Anstelle dessen tuschelte man nun hinter ihrem Rücken, sie wäre eine alte Rassistin und Ausländerfeindin. Sie hat die Botschaft verstanden, ist in Pension gegangen und aus Wien weggezogen. Man hätte sie gut brauchen können. Es herrscht Ärztemangel in der Stadt. Doch das ist den Entscheidungsträgern egal. Priorität hat für sie, dass im Gesundheitssystem korrekt gesprochen und die Realität verleugnet wird. Die gute Versorgung der Bevölkerung ist sekundär.

Der alte Mensch im Krankenhaus
Kurz bevor die Ärztin aus Wien weggegangen ist, musste ihre Mutter ins Krankenhaus. Leichter Schlaganfall. Sie besuchte sie täglich und bemerkte bald, dass die alte Frau kaum behandelt wurde. Sie wurde bloß versorgt. Auf ihre Nachfragen reagierte man unwirsch. Was wolle sie denn? Das ist eine alte Frau. Da dauert es eben eine Zeit, bis sie sich wieder erholt. Und eventuell wird es auch gar nichts mehr. Wieder hat sie die Botschaft verstanden. Sie nahm die Mutter mit nach Hause und pflegte sie selbst. Sie kann das, weil sie Ärztin ist. Was aber machen die, die auf die Hilfe des Gesundheitssystems angewiesen sind, denen die Kompetenz fehlt, die Betreuung ihrer Alten selbst in die Hand zu nehmen?