"Widerstand gegen Streichungen von Lateinstunden. War so klar. Leute bitte. Ich hab das 6 Jahre durchgemacht. Dann was studiert, wofür man es angeblich braucht - nie hab ich es gebraucht. Nie! In der Zeit hätte ich gern was anderes gelernt. Spanisch zb."
Anna Thalhammer ist gerade sehr empört. Der profil-Chefredakteurin wurde in der Schule Zeit gestohlen. Durch den Lateinunterricht. Sie hätte anstelle dessen etwas anderes lieber gelernt. Latein hingegen hat sie nie in ihrem Leben gebraucht. Ihr obenstehender Kommentar passt zum Geist unserer Zeit. Alles, was man lernt, muss man "brauchen" können. Es muss sich in einem ökonomischen Sinn als nützlich erweisen. Erlerntes muss persönliches Kapital sein, das man im Alltag einer immer unkultivierter werdenden Leistungsgesellschaft einsetzen kann, um es gegen Erfolg, Anerkennung und Geld einzutauschen. Das Gelernte muss die Verwertbarkeit der Person verbessern. Der Mensch hat Warencharakter angenommen und er kann deshalb nur das "brauchen", was seinen Warenwert erhöht.
Latein gehört nicht dazu. Vermeintlich. Denn auch die tote Sprache erhöht den "Tauschwert" des Menschen, weil sie seine Kommunikations- und Anschlussfähigkeit verbessert. Und das kann auch in der Geschäftswelt nützlich sein, denn oft macht der, der den kultivierten Small Talk über Theater, Literatur, klassische Musik etc. beherrscht, eher den Geschäftsabschluss, als der grobe Klotz, bei dem über das Fachwissen hinaus gähnende Leere herrscht. Denn es gibt noch immer Entscheider, die es schätzen, sich über den letzten Opernbesuch oder "De bello Gallico" von Julius Caesar unterhalten zu können.
Man sieht heute anhand des Spitzenpersonals in Politik und Wirtschaft wie schrecklich einfältig und langweilig der zwischenmenschliche Austausch wird, wenn es an Bildung im Sinne der Kultivierung des Menschen fehlt. So sind zum Beispiel Politikerreden zur Qual geworden, denen es heute völlig an Esprit, Charme und Witz ermangelt. Reden sind heute keine rhetorischen Kunstwerke mehr, wie man sie noch von Bruno Kreisky, Andreas Khol oder Wolfgang Schüssel gekannt hat.